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Die Welt, 18.Oktober 2005
Benedikt XVI. gibt in erstem TV-Interview Polen-Reise bekannt

Warschau - Selbst wenn polnische Journalisten beim polnischen Papst anfragten, bekamen sie stets zu hören: "Der Heilige Vater gibt keine Interviews" - was nicht ganz stimmt, denn Johannes Paul II. hatte 1992 gegenüber dem ZDF eine seltene Ausnahme gemacht.

Andrzej Majewski, Leiter der katholischen Redaktion im polnischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ist es nun - ausgleichende Gerechtigkeit - mit dem deutschen Papst Benedikt XVI. geglückt. Am Sonntag Abend strahlte der Sender das erste Fernsehinterview des neuen Papstes aus. Er beantwortete die Fragen auf italienisch. Erst zurückhaltend, als er über die Anfänge seiner Freundschaft mit Johannes Paul II. sprach, dann gelöster, lächelnd und gestikulierend. Anlass war der Jahrestag der Wahl Karol Wojtylas vor 27 Jahren. Im Juni will Benedikt XVI. "wenn Gott es will und es mir die Zeit erlaubt" Polen besuchen.

Der frühere Kardinal Ratzinger lernte Wojtyla während des ersten Konklaves von 1978 kennen. Wojtyla habe ihm damals "unverdienterweise" sein Vertrauen und seine Freundschaft geschenkt. Der Bischof aus Krakau sei nach seiner Kenntnis "die Seele" des Briefwechsels zwischen den Bischöfen beider Länder gewesen, der die deutsch-polnische Aussöhnung mit einleitete. Als der spätere Papst ihn vier Jahre später nach Rom berief, sei es ihm sehr schwer gefallen, seine Diözese aufzugeben. Als Verdienste seines Vorgängers nennt Benedikt XVI. vor allem, daß dieser "eine neue Sensibilität für moralische Werte geschaffen hat, für die Bedeutung der Religion in der Welt". Das bedeute über die römisch-katholische Kirche hinaus: "Alle Christen haben anerkannt - trotz der Unterschiede und trotz ihrer Nichtanerkennung des Nachfolgers Petri -, dass er der Sprecher der Christenheit ist." Niemand habe so entschieden wie er vom Christentum und in seinem Namen sprechen können.

Seine eigene Mission sieht Benedikt XVI. nicht darin, "viele neue Dokumente zu veröffentlichen, sondern darauf hinzuwirken, dass diese Dokumente (vor allem die Enzykliken Johannes Pauls II.) umgesetzt werden". Er spüre unverändert die Nähe seines Vorgängers: "Ein Mensch, der zum Herrn geht, geht nicht weg. Er hilft mir jetzt, dem Herrn nahe zu sein." Ein "andauernder Dialog" finde statt.

Derweil sagte der Erzbischof von Krakau und frühere päpstliche Sekretär, Stanislaw Dziwisz, auf Bitten seiner Mitarbeiter habe Johannes Paul II. vor seiner Luftröhrenoperation eine "letzte Botschaft" auf Video gesprochen. Doch habe er "noch nicht den Mut gehabt", das Band abzuspielen.

Gerhard Gnauck
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